Dieser Beitrag hat eine Top-10 Platzierung in unserem Essaywettbewerb 2021 erzielt. Die Jury bewertete anhand einer Vielzahl an Kriterien wie Relevanz, Fachlichkeit, Horizont und Kreativität, in denen dieser Essay besonders überzeugt hat.
Im November Zweitausendzwanzig berichtete der Spiegel, Moskauer Überwachungsfotos gebe es um 175 Euro im Netz. Um den Betrag habe eine Aktivistin auf Telegram die Fotos gekauft, auf denen das offizielle Überwachungssystem der Stadt ihr Gesicht erkannte. Man könne damit problemlos rückverfolgen, wo sie wohne, arbeite und gerne einkaufen gehe.
Im März Zweitausendeinundzwanzig hat eine Russische Supermarktkette angekündigt, FacePay einzuführen. Man wird mittels Gesichtserkennung bezahlen können. Tagelang warten wir pro Jahr in irgendwelchen Schlangen. Sechs Stunden im Jahr stehen Deutsche alleine an der Supermarktkasse an. Das sind über zwei Wochen Lebenszeit – durch FacePay könnte man damit Besseres tun.
Beispiele wie diese finden sich weltweit und zeigen Potential und Gefahren einer datengetriebenen, digitalisierten Gesellschaft. Aber wie groß ist das Potential? Werden wir, wenn es sich richtig entfaltet hat, glücklicher sein? Und was sind die Gefahren? Ist es so, dass wer nichts zu verstecken hat, auch nichts befürchten muss?
Die Werte, auf die sich die Europäische Union gründet, sind relativ klar vereinbart: Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtstaatlichkeit und Wahrung der Menschenrechte. So steht es in den Verträgen von Lissabon und so klingen die Dinge, die wir vor jeder Gefahr schützen müssen.
Man kann globale Megatrends natürlich heutzutage nicht mehr aufhalten, auch wenn sie einem nicht gefallen. In einer Welt, in der sich von Ronaldos Haartrend bis zu neuen Virenmutationen alles um den Globus verbreitet, wird man auch den Trend zur datengetriebenen Wirtschaft nicht aufhalten können. Die Frage ist nur, und dabei können wir in Europa Vorreiter sein: Wie können wir sicherstellen, dass für uns Menschen die Potentiale genutzt werden, ohne dass es unsere Grundwerte gefährdet und unsere Würde verletzt?
Wenn man seinen LinkedIn Newsfeed ansieht, bekommt man Angst, etwas Großes zu verpassen: Die digitale Revolution! Bilder von Robotern, Ankündigungen davon, wie „disruptive Digitalisierungsprojekte“ der „Legacy“ ein Ende bereiten. Große Aufregung, dass Software immer noch nicht agil genug entwickelt wird und die Regierung nicht verstanden hat, dass im Jahr 2021 jeder Haushalt Fiber-to-the-Home benötigt. Man hat das Gefühl, dass ein disruptives Ereignis auf das nächste folgt und wir im Jahr 2030 in einer hochtechnologischen Welt leben werden, die man sich nur durch dystopische Blockbuster vorzustellen vermag.
In der betrieblichen Realität ist das Ganze natürlich etwas entschleunigter. Anfang der 2000er-Jahre habe ich noch eine Exceltabelle mit Summenformeln erstellt, um folgende Daten zu „digitalisieren“: Eine Verwaltungsmitarbeiterin zog mit Tuschestift auf einem A3 Bogen ein Raster, trug monatlich Rechnungsbeträge ein, bildete per Rechenmaschine die Summen dazu und legte das alles in einem Aktenordner ab. Anfang der 2010er Jahre waren Digitalisierungsprojekte schon in aller Munde. In meinem beruflichen Alltag begannen sie meist damit, dass erstmal einige Monate lang Daten bereinigt wurden. Homeoffice war bei uns auch damals schon möglich. Ende der 2020er Jahre wurden dann mit RPA (Robotic Process Automation) einfache Prozesse „digitalisiert“ (iSv automatisiert, digital waren sie ja schon), Chatbots gebaut und Nutzerverhalten analysiert. Das klingt schon recht modern, aber die Unternehmen, in denen ich zuletzt tätig war, waren auch nicht gerade IT-avers. In der KMU eines guten Freundes schreibt der Geschäftsführer immer noch seine Berichte mit der Hand, die Sekretärin tippt sie ab und ein Mitarbeiter macht ein PDF daraus – und die sind auch noch im Geschäft.
Man kann aber ruhig von einer Revolution sprechen. Die Industrielle Revolution hat ja auch fast hundert Jahre lang gedauert. Trotz revolutionären Umbrüchen ist das Jahr 2030 in vielen technologischen Bereichen einigermaßen prognostizierbar. Wenn man sich beispielweise Roadmaps von Herstellern oder Analysten zu autonomem Fahren oder betrieblichen IT-Landschaften ansieht, reichen die schon relativ weit in die Zukunft. Aber im Bereich der personenbezogenen Daten ist sehr viel offen. Denn während sich die meisten betrieblichen Realitäten in Bezug auf Big Data oder gar der KI-gestützten Datenverarbeitung recht gemächlich transformieren, gehen einige bekannterweise in ganz anderem Tempo voran. Große Player wie die GAFAM-Konzerne (Google, Amazon, Facebook, Apple, Microsoft) und viele hochtechnologische Nischenunternehmen bauen eine datenbasierte Produktwelt, die in vielen Belangen mysteriös ist, und in diesem Punkt an komplexe Finanzprodukte erinnert. Sie kommuniziert mit der Außenwelt im Wesentlichen über ihr GUI (also die Benutzeroberfläche) – denn was die im Hintergrund Treiben versteht nicht gerade „jeder“. Und am wenigsten – so kommt es einem manchmal vor – die Politik.
Dabei sind die Trends an sich nicht so neu, dass man sich nicht schon länger damit beschäftigen konnte. 1984 erschien zwar schon 1948, war aber dennoch nicht das erste Werk, dass sich mit einem totalitären Überwachungsstaat beschäftigt. Commander Data war nicht die erste KI, die es ins Fernsehen geschafft hat und sogar spezielle Themen wie Crime Prediction oder Autonomous Driving haben schon Schauspieler beschäftigt, die die Jugend von heute gar nicht mehr kennt.
Einigermaßen neu ist aber, dass die Themen jetzt technisch soweit sind. Als sich in einer Folge von Knight Rider das Wunderkind Randy in K.I.T.T. gehackt hat, um ihn mit einem Atari Joystick zu kontrollieren, war das Ganze noch recht weit von der Realität entfernt. 2015 haben zwei Hacker tatsächlich die Kontrolle über einen Jeep Cherokee übernommen. Sie hatten sich über das WLAN-Zugriff auf das Multimediasystem verschafft und es über einen Umweg hinbekommen, via CAN-Bus alle Steuerungen zu übernehmen – vom Lenkrad bis zur Bremse. Es muss freilich keine kriminelle Energie im Spiel sein, um im Straßenverkehr für Gefahr zu sorgen. Als 2018 ein Tesla tragischerweise in die Leitplanke gefahren ist, rückte einmal mehr ins Licht der Öffentlichkeit, was passieren kann, wenn eine Maschine für uns Entscheidungen trifft. Viele der Entscheidungen werden nach gewissen Kriterien besser als die der Menschen sein. Wenn man sich Michael Knight und K.I.T.T. ansieht, mag einem auch K.I.T.T. als der Vernünftigere der beiden vorkommen. Aber wollen wir ihm deswegen unsere Entscheidungsfreiheit abgeben?
Eine der wesentlichsten Bereiche der Entscheidungsfreiheit ist das Wahlrecht. Die dabei verarbeiteten Daten sind hochsensibel. Ich war ein paar Mal Beisitzer bei österreichischen Wahlen. Bei der Abgabe der Stimmzettel haben Vertreter aller Parteien zugesehen. Wahlbehörde und Parteienvertreter haben penibel notiert, wer gewählt hat. Alle haben die Auszählung beobachtet und das Ergebnis des Wahlsprengels mitgeschrieben. Dasselbe offizielle Ergebnis konnte man danach im Internet sehen und bei Bedarf kontrollieren. Der Wahlvorgang war im Wesentlichen analog. Am Weg zum Wahllokal war es immer relativ ruhig – jeder wusste, dass am Wahltag ums Lokal keine Werbung mehr erlaubt ist. Die Leute sollten nicht zu stark beeinflusst werden. Gleichzeitig wurden in den U.S.A. von Unternehmen wie Cambridge Analytica Microtargeting-Kampagnen gefahren. Bei den letzten beiden US-Präsidentschaftswahlen wurden außerdem Vorwürfe laut, es habe Hacks in die Auszählungsmechanismen gegeben. Schlimm genug, dass man zur Wahlbeeinflussung in Filterblasen gestoßen und in Echoräumen mit Fake News beschallt wird. Wenn dann auch noch in einem Land wie den USA, das auf zweihundert Jahre demokratische Tradition zurückblickt, ernsthaft diskutiert wird, ob man sich auf die Auszählung verlassen kann, ist das eine unglaubliche Bedrohung für die Demokratie. Der heterogene Zugang zu den meinungsbeeinflussenden Machtinstrumenten fördert auch nicht unbedingt die Gleichheit. Beraubt man Menschen ihrer politischen Entscheidungsfreiheit ist das zudem entwürdigend. Wird dann noch die Judikative unter Druck gesetzt, um den Wahlausgang zu beeinflussen, hat man es geschafft: Jeder der zu Beginn genannten Werte ist mit Füßen getreten worden. Ironischerweise von jenen, die man wählt, um diese Werte zu verteidigen. Bei aller Liebe zum Fortschritt ist also zu hoffen, dass 2030 immer noch möglichst analog gewählt wird.
Wenn man in einem Land wie Deutschland oder Österreich aufgewachsen ist, ist man gewohnt, dass man sich nicht nur auf die Wahlbehörden verlassen kann. Dienstleister haben Gewerbeberechtigungen, Produkte entsprechen Normen, Fachpersonal erfüllt Ausbildungsstandards. IATF, DIN und StVZO, Euro 6 und ISO – das ist ja nicht der Beginn eines neuen Hits der Fantastischen 4, es sind im Automotive Sektor relevante Regelwerke. Da fragen sich einige: Wie kann es eine Prüfnorm für die Beständigkeit von Interieur gegen Sonnencreme geben, aber gleichzeitig jemand einen Wagen auf den Markt bringen, den man remote hacken kann? Wie kann es verboten sein, dass man vor dem Wahllokal einen Werbekugelschreiber überreicht bekommt, aber über Microtargeting gezielte Fake-News servieren geht jederzeit und überall?
Man muss in keinem westeuropäischen Sozialstaat aufgewachsen sein, um sich das Management dieser Ungereimtheiten von öffentlichen Institutionen zu erwarten. Die meisten Länder haben sich natürlich auch den Menschenrechten verschrieben, die das „Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens“ einschließen. Die UN hat sich in ihrer Resolution zum „Recht auf Privatheit im digitalen Zeitalter“ 2015 dem Thema gewidmet, das dies quasi auch heute noch gilt.
Soweit so gut. Nur braucht man natürlich auch die Kompetenzen um den Menschen dieses Recht zu gewährleisten.
Facebook steht aus mehreren Gründen in der Kritik von Datenschützern. Neben dem allgemeinen Setup des kaum regulierten Ansammelns riesiger Mengen privater Daten geht es dabei um einige konkrete Probleme (Facebook gebe Nutzerdaten an Dritte auch ohne Einwilligung weiter, Facebook tue zuwenig gegen die Verbreitung von Fakenews u.ä.). Als der US-Kongress 2018 mitbekommen hat, dass es in dem Bereich eine Herausforderung geben könnte, haben sie Mark Zuckerberg vorgeladen. Man ist – weltweit – von der Politik einiges gewohnt. Aber die Aufzeichnung davon desillusioniert komplett. Beispielweise stellte ein Senator die Frage, wie Facebook eigentlich in der Lage sei, Geld zu verdienen, wenn es doch gebührenfrei ist. Zuckerberg erklärte: „Senator, we run ads.“
Dabei sind die Usecases, die Facebook bedient, nur ein kleiner Teil der Einsatzmöglichkeiten personenbezogenen Daten. Und diese Usecases versteht man nicht alle mit Hausverstand. Man versteht sie auch nicht alle, nur weil man Digital Native ist. Aus einer gesellschaftspolitischen Makroperspektive, besteht die Transformation daher nicht nur darin, dass wir datenbasierte Wahlwerbungen bekommen und Parlamentssitzungen per Livestream übertragen werden. Die gesellschaftspolitische Transformation besteht darin, dass es mehr denn je Leute in der Politik braucht, die digitale Usecases verstehen. So wie es Leute bräuchte, die das Finanzssystem verstehen – nur dass das Thema Digitalisierung nicht „nur“ einen Lebensbereich betrifft, sondern alle (nicht, dass das Thema Finanzen nicht besonders wichtig wäre). Denn jeder dieser Usecases bringt Chancen und Risken mit sich.
Die meisten Regierungsmitglieder in Deutschland und Österreich haben nicht viel Erfahrung in der Privatwirtschaft aufzuweisen. Sie müssen aber Institutionen schaffen, die mit diesen Themen Schritthalten können, so dass im Jahr 2030 ein vernünftiger institutioneller Rahmen für eine datengetriebene Gesellschaft herrscht. Und die wesentlichen datenbezogenen Usecases entstehen im betrieblichen Umfeld. Bei manchen davon werden weniger kritische Daten verarbeitet. Eine Bilderkennungssoftware für Pflanzen zum Beispiel. Stellt sich natürlich trotzdem die Frage, ob sich die Politik nicht damit beschäftigen sollte, wenn eine App Teenagern sagt, ob der Pilz in ihren Händen giftig ist. Für viele Use Cases werde aber sehr kritische, personenbezogenen Daten genutzt. In Bezug auf die Regulierung dieser Use Cases hat die EU mit der DSGVO einen ersten sichtbaren Schritt gesetzt. Auch wenn viele Nutzer davon vor allem die Notwendigkeit mitbekommen, dass aktiv Zustimmungen eingeholt werden müssen, um die man ohnehin nicht herumkommt, ist das Regelwerk im Detail jedenfalls ein gewaltiger Schritt. Ein teurer Schritt, schließlich hat die Umsetzung den Unternehmen angeblich einen dreistelligen Milliardenbetrag gekostet – die verlorene Lebenszeit beim Ausfüllen von Zustimmungserklärungen und dem Klicken auf Cookie-Hinweise kommt da noch dazu. Also das Regelwerk ist sicher nicht optimal, aber wenigstens hat eine politische Instanz einmal etwas Nennenswertes dazu bewegt.
Die Generierung von Daten und Digitalisierung beziehungsweise Automatisierung von Arbeitsschritten gehen oft Hand in Hand. Es gibt wenige Bereiche, bei denen wir so viele persönliche Datensätze generieren, wie beim Shoppen. Einer meiner ersten Jobs war bei einer Supermarktkette. Wenn man heute mittels FacePay an der Kassa vorbeimarschiert, generiert man nicht nur Daten und spart Lebenszeit. Man spart auch die Kassiererin beziehungsweise den Kassierer. Man kostet ihr oder ihm dabei den Job. Ich bin ein Jahr lang jeden Samstag für zehn Stunden an einer Supermarktkasse gesessen, habe Akkordarbeit in der Fabrik gemacht, in einer Bank stur manuell Belege verbucht und Akten abgelegt. Zu all dem kann ich mit Bestimmtheit sagen: Solche Tätigkeiten an sich werden niemandem abgehen. Abgehen würde vielen, Stammkunden und Kollegen zu sehen sowie das Gefühl, über die Arbeit zu einem Sozialsystem dazu zu gehören. Außerdem haben wir in der Regel den Eindruck, ein wertvolleres Mitglied der Gesellschaft zu sein, wenn wir im Arbeitsprozess beitragen. Nicht zu vergessen der Lohn – am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann man natürlich nur mit finanziellen Mitteln. Das sind alles Themen, die zumindest indirekt mit Selbstwertgefühl Würde zu tun haben. Ein Mensch ist aber immer etwas wert, auch wenn er nicht arbeiten kann. Seine Würde ist nicht antastbar, schon gar nicht durch so etwas Banales wie eine Digitalisierungsinitiative. Wenn eine Supermarktkassa automatisch arbeitet, wird nicht weniger Wohlstand geschaffen als zuvor. Er wird nur anders verteilt. Entweder müssen alle Kunden etwas weniger bezahlen, oder die Eigentümer der Supermarktkette machen mehr Gewinn. Die personenbezogenen Daten gibt es noch dazu. Vielleicht wird es 2030 sogar üblicher sein, auch für physische Güter – wie einen Supermarkteinkauf – damit zahlen zu können, nicht nur – wie heute schon üblich – für digitale Dienstleitungen. Verteilungsgerechtigkeit und Datenschutz sind jedenfalls eindeutig ein Thema der Politik. Man kann natürlich in Details dazu, wieviel der Staat dazu beitragen muss und was vollständig in der Eigenverantwortung liegt, unterschiedlicher Meinung sein – aber grundsätzlich ist es der Job der Politik, diese Transformation so zu organisieren, dass dabei alle Beteiligten zu den Gewinnern zählen!
Es muss möglich sein, dass man an der Supermarktkasse effizient bezahlen kann, ohne dass seine Aufenthaltsorte und Einkaufsgewohnheiten im Darknet erhältlich sind. Ich will auch online auf die Daten meiner Überwachungskamera zugreifen können, aber davor geschützt werden, dass die Mitarbeiter des App-Entwicklers meine Videos ansehen, wie es schon geschehen ist. Ich will, dass meine E-Mails automatisch klassifiziert werden, ohne dass ihre Inhalte geleaked werden können. Ich will, dass mich mein Fitnesstracker beim Sport unterstützt, aber meine Gesundheitsdaten nicht an Dritte verkauft werden können. Und natürlich will ich schon gar nicht, dass staatliche Institutionen selbst meine Daten missbräuchlich verwenden. Das sind keine überzogenen Forderungen. Überhaupt nicht. Genauso wie sichergestellt wird, dass in unseren Medikamenten oder Lebensmitteln keine gesundheitsschädlichen Stoffe sind, dass unsere Wohnung statisch nach dem Stand der Technik gebaut wurde und unser Auto funktionierende Bremsen hat. Natürlich gehört Eigenverantwortung dazu. Wenn man eine Wohnung besichtigt, deren Geschossdecke herunterhängt, wird man ebenso alarmiert sein, wie wenn man eine verdächtige E-Mail erhält. Aber man wird nicht bei jeder besichtigten Wohnung beginnen, die Decke aufzustemmen, die Dicke der Träger zu messen und selbst zu berechnen, ob die normgerechten 150-200 Kilogramm pro Quadratmeter erreicht werden. Ebenso wenig kann jede(r) Einzelne für sich sicherstellen, dass alle Unternehmen, deren Services man nutzt, auf eine Art und Weise mit Daten umgehen, die mit unseren Werten konform gehen. Aber ein in digitalen Themen kompetenter Staat könnte es sehr wohl.
Wie jede Organisation ist der Staatsapparat in allem nur so gut, wie die Menschen dahinter. Ich habe mittlerweile beruflich und privat schon recht viele IT-ExpertInnen kennengelernt. Softwareentwicklung, Vernetzung, IoT, Cyber Security, Data Science,… alles dabei. Aber keine/r davon hat mir gegenüber jemals Interesse dafür bekundet, in die Politik zu gehen. Geschweige denn, dass ich von jemandem davon wüsste, dass er oder sie schon politisch aktiv ist. Dabei wäre es unglaublich wichtig, politische Arbeit so attraktiv zu machen, dass sie auch für Leute interessant ist, die aktuell das Gefühl haben, ausschließlich in der Privatwirtschat Erfüllung zu finden. Natürlich ist die Bezahlung ein Thema. Aber auch die Offenheit für Quereinsteiger oder die abschreckende Wirkung von Korruptions- und anderen Skandalen. Man kann weniger bezahlen als die Privatwirtschaft, aber muss trotzdem attraktiv genug dafür sein, dass Top Experten Vollzeit an der Gestaltung der Gesellschaft mitarbeiten wollen. Politiker müssen zudem offen sein dafür, nicht nur den Weg in den Parteien zu gehen, sondern auch anderweitig Berufserfahrung zu sammeln und ihre Expertise zu erweitern. Privatwirtschaft und Politik müssen einfach in beide Richtungen durchlässiger werden.
Geht man diesen Weg nicht, wird die Politik im Jahr 2030 nicht nur beim Thema Datenschutz im Dunkeln tappen. Auch bei volkswirtschaftlichen Fragen, Standortpolitik, Themen des Handels- und Strafrechts bis zur Besteuerung wird man keinen Grip mehr auf die Wirtschaft haben. Man wird zwar datenbasierte Produkte anwenden, aber nicht nur die Technik, sondern auch die betriebliche Wertschöpfungsprozesse dahinter nicht mehr verstehen. Das ging im Zeitalter der Industriellen Revolution noch leichter. Man konnte zur Not in die Produktionshalle gehen und schauen, was da passiert. Die Logiken komplexer digitaler Geschäftsmodelle sind viel schwieriger nachzuvollziehen, vom Code dahinter ganz zu schweigen. Dabei kann sich natürlich nicht jeder mit allem auskennen. Aber in Summe brauchen wir unbedingt einen Staat, der auch das Backend versteht, nicht nur das GUI.

Gabriel Schütz, Jahrgang 1984, lebt in Niederösterreich und Wien und ist beruflich im Finanzbereich eines Technologieunternehmens tätig. Literarische Veröffentlichungen finden sich in Literaturzeitschriften (DUM, etcetera, Bierglaslyrik) und Anthologien. Er ist Gewinner des Wiener Werkstattpreises (Jurypreis 2021) sowie eines regionalen Literaturwettbewerbs und ist gelegentlich bei Lesungen im Rahmen von Kulturinitiativen zu hören.