Daten als Chance (Essay)

Dieser Beitrag hat eine Top-10 Platzierung in unserem Essaywettbewerb 2021 erzielt. Die Jury bewertete anhand einer Vielzahl an Kriterien wie Relevanz, Fachlichkeit, Horizont und Kreativität, in denen dieser Essay besonders überzeugt hat.

Dreh um!“ Laut und deutlich gab ich den Befehl von mir, sodass die automatische Spracherkennung mich verstehen würde. Gerade hatte ich gerade realisiert, dass ich meinen Geldbeutel zuhause vergessen hatte. Am nächsten Kreisel änderte das Auto die Fahrtrichtung und fuhr den gleichen Weg zurück. „Zurück nach Hause.“ Sprach ich erneut laut und deutlich, bis ich schließlich vor meiner Haustür parkte, ohne das Lenkrad oder den Schalthebel auch nur einmal betätigt zu haben. 

Wenn man an das Jahr 2030 denkt, so scheinen solche Gedanken und Zukunftsvisionen für viele Menschen nicht ganz abwegig zu sein. Schließlich haben sich der technologische Fortschritt und die Datenverarbeitung in den letzten Jahren rasant entwickelt. Und doch scheint die Welt in 2021 doch ganz anders als es Menschen zuvor vorausgesagt haben, wer hätte schließlich schon an etwas wie die aktuelle Coronapandemie gedacht. Aber auch gerade hier machen sich der Fortschritt und auch die Chancen von datenbasierten Entwicklungen bemerkbar: Sei es ein Foto, welches in Sekundenschnelle um die Welt geschickt wird oder ein Livestream, an welchem Menschen auf der gesamten Welt teilhaben können. Wir können heute Freunde in nahezu jeder Region der Erde haben und mit diesen in Kontakt bleiben, dank Technologien, die auf Datenverarbeitungen basieren. 

Automatisierte Gesichtserkennung für Sicherheitsleistungen, autonomes Fahren, automatisierte Vorschläge, angepasst an das eigene Konsumverhalten: Die Bandbreite möglicher Datennutzung ist unfassbar groß. So wirkt es in den Augen vieler möglicherweise sehr angenehm, an ein Zukunftsszenario zu denken, bei welchem man nicht mehr selbst an das Lenkrad greifen muss und beispielsweise auf dem Weg zur Arbeit entspannt ein Buch lesen oder aufgeschobene Aufgaben erledigen kann. Unfälle durch menschliches Versagen würden ausgeschlossen oder zumindest stark verringert werden, Stress und Wut innerhalb des Straßenverkehrs blieben uns erspart. Auch könnte es sehr bequem sein, einen Artikel in den Einkaufswagen zu legen und Vorschläge zu erhalten, welche weitere Produkte passend und zugehörig erscheinen. Vielleicht ließe sich so vermeiden, wichtige Dinge beim Einkauf zu vergessen. Auch automatische Gesichtserkennung kann selbstverständlich als eine Chance gesehen werden. Was würde es nicht für Vorteile bringen, wenn man beispielsweise per Gesichtserkennung nicht nur sich selbst, sondern bestimmte ausgewählte Personen in eine Wohnung hereinlassen würde? Könnten so Einbrüche eventuell viel einfacher vermieden werden, würden als unbekannt und unerwünscht markierte und gespeicherte Personen einen lauten Alarm und die Aktivierung eines Sicherheitssystems auslösen? Und wie sähe es im Bereich der Suche nach Straftätern aus, die man anhand eines noch umfassenderen datenbasierten Systems von Gesichtern besser nachverfolgen und ausfindig machen könnte? Wo lägen Chancen im Bereich des Wohnens? Stellen wir uns für das Jahr 2030 eine automatisierte Küche vor, welche anhand von Befehlen und von uns gewählten Zutaten ein leckeres Gericht kocht, während wir uns anderen Tätigkeiten widmen können. So würde beispielsweise vermieden werden, sich etwas Schnelles, aber ungesundes zuzubereiten, weil schlicht und einfach die Zeit heute im Alltag vieler Menschen ein knappes Gut geworden zu sein scheint. Gesunde und ausgewogene Ernährung würde nicht auf der Strecke bleiben, unsere Gesundheit auf lange Sicht nicht gefährdet werden. Was wäre mit einer Welt in rund zehn Jahren, wo es ganz normal ist, mit einem Datenverarbeitungsprogramm, welchem wir einen selbstverfassten Text diktieren könnten, wobei das Programm diesen währenddessen für uns in einem Dokument abtippen würde, zu arbeiten? Wo der Arbeitsalltag diese Form des Arbeitens zulässt und es als normal gilt, in Bewegung an Texten zu arbeiten, anstatt den gesamten Tag an einem Schreibtisch und vor einem Computer zu sitzen? Wir könnten uns sportlichen Aktivitäten oder Spaziergängen im Grünen widmen, während wir wichtige Texte für die Arbeit verfassten. Stellen wir uns nur mal eine Welt vor, wo es möglich ist, mit dem Kopf zu arbeiten, aber gleichzeitig den negativen Folgen, wie Gelenkproblemen durch ständiges und falsches Sitzen und zu wenig Bewegung, zu entkommen. Man würde sich intellektuell beschäftigen und gleichzeitig bestünde die Möglichkeit, sich durch Bewegung und einem Sichtwechsel neue Inspiration für den Alltag zu holen. 

Auch im Bereich von sozialen Netzwerken spielen die Speicherung und Verarbeitung von Daten eine große Rolle. So werden auch hier personalisierte Anzeigen aufgezeigt, welche Interesse und Inspiration wecken können. Daten sind schon jetzt nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken und neben all diesen Chancen kann dies selbstverständlich auch negative Emotionen wecken: Wissen wir überhaupt noch, wie wir ohne Daten leben können? Stellen wir uns nur mal ein Leben ohne Internet vor. Heutzutage ist es üblich und vor allem auch oft gefordert, ständig erreichbar zu sein. Für viele wird der Abbruch vom Netz mit einem Gefühl des „Abgekoppelt Seins“ verknüpft, wir fühlen uns nicht mehr verbunden mit der Welt um uns herum. Und genau dies führt zur Frage, wo wir als Menschen die Grenzen zwischen uns und den Daten ziehen sollten. Nehmen wir an, wir besitzen diese vollautomatisierte Küche in 2030, wüssten wir dann immer noch, wie das Kochen selbst funktioniert? Was, wenn der Strom ausfiele, hätten wir dann vergessen, wie wir selbst einen Topf mit Nudeln kochen? Vergessen wir durch automatische Gesichtserkennungen, uns wichtigen Menschen ins Gesicht zu schauen, nur für das was sie sind? Können wir noch Feind oder Freund ohne ein Programm erkennen? Stellen wir uns nur mal ein Szenario vor, in welchem Personen vor dem Eingang eines Clubs mithilfe einer Gesichtserkennung nach gewissen Kriterien abgescannt werden. Passen bestimmte Aspekte nicht in das Bild, würden sie abgewiesen werden. Oder stellen wir uns vor, das Gesichtserkennungsprogramm an unserer Haustür hat einen Defekt und funktioniert nicht mehr korrekt. An einem lauen Sommerabend in 2030 schlägt es Alarm, obwohl ein guter Freund an der Tür wartet. Was, wenn wir ihn trotzdem nicht hineinbitten würden, aufgrund von vollem Vertrauen in das System? Wir wären kontrolliert von einer datenbasierten Maschine, die unsere Welt neu formen würde, wenn auch gleich die Idee war, dass wir Menschen diese Welt durch Datenprogramme neu und einfacher gestalten. Was würde 2030 passieren, wenn das System des autonomen Fahrens ausfallen würde? Stellen wir uns nur vor, wir hätten vergessen, wie wir selbst lenken und würden stattdessen wie gelähmt vor Angst dabei zusehen, wie das Auto immer weiter in den Graben fahren würde. Alles was uns noch bliebe, wäre, die Augen zu verschließen und zu hoffen, dass das System gleich wieder funktionieren würde. Denn wir machten uns abhängig von diesem Daten, so weit, dass wir irgendwann zu Sklaven von ihnen wurden und alles vergaßen: wie man Auto fährt, wie man kocht, wie man gute Freunde begrüßt. Ist das wirklich realistisch? 

Wir sind autonome Wesen mit Handlungs- und Entscheidungsfreiheit. Es liegt in unserer Hand, wieviel Macht wir den Daten geben möchten. Wie das Jahr 2030 aussehen wird, ist vor allem abhängig von einem: Unserer eigenen Wahl. Wir können uns von Daten komplett kontrollieren lassen oder aber sie bestmöglich als eine Unterstützung und Bereicherung in unserem Berufsalltag und unserer Freizeitgestaltung verwenden. So kann das Jahr 2030 folgendermaßen aussehen: Technologien wie Gesichtserkennung werden dazu verwendet, Menschen nun auch auf der Straße zu „scannen“ und nach bestimmten Aspekten zu bewerten. Wir haben verlernt, unseren Alltag selbst zu organisieren und sind abhängig von autonomem Fahren oder dem Kochen eines Gerichtes. Einen Freund, der von der automatisierten Gesichtserkennung abgelehnt wird, erkennen wir nicht mehr, er wirkt für uns gesichtslos, denn ohne das Programm tragen auch wir kein Gesicht mehr. Anstelle von diesem stehen Zahlen und Daten auf und über uns, erdrücken jegliche Menschlichkeit. 

Doch mit unserer Eigenverantwortung und Intelligenz ist es auch möglich, Daten für uns zu unserem Zweck zu verwenden. Sie können uns dabei helfen, mehr Struktur und Leichtigkeit in unseren Alltag zu bringen, sei es dabei, unsere Arbeit dynamischer zu gestalten, unsere Wohnung vor unbefugtem Zutritt zu schützen, oder Datenprogramme gezielt dazu einzusetzen, Einkäufe zu optimieren oder Haushaltserledigungen zu beschleunigen und kreativ zu gestalten. Wir als Menschen haben die Daten erschaffen und können uns nun dazu entscheiden, sie für oder gegen uns arbeiten zu lassen. Auf dem Weg in das Datenjahr 2030 können wir so jeden Tag neu wählen und gestalten, wie unsere Zukunft aussehen soll und wie wir mit Daten umgehen möchten. Wie die Welt also in knapp zehn Jahren aussehen wird und vor allem wie sich der Umgang mit den Daten gestalten wird, dazu lässt sich nur spekulieren, wie in diesem Essay geschehen. Machen wir uns nun bewusst, dass wir jeden Tag neu aushandeln können, wie wir dieses Jahr, und neben ihm all die Jahre danach, gestalten möchten und arbeiten wir für die Form, hinter der wir stehen. Abschließend gibt es festzuhalten, dass Daten auch schon heutzutage eine unfassbar große Bandbreite in unserem Leben einnehmen. Sie sind für uns alle selbstverständlich geworden und mit daran beteiligt, unseren Alltag maßgeblich zu gestalten. Daten beherbergen letzten Endes beides: Unzählige Chancen für Privatpersonen, Unternehmen, globale Zusammenhänge und die Welt an sich. Mit all diesen Chancen gehen aber gleichzeitig Probleme und Herausforderungen einher, welche es nicht zu ignorieren gilt, sondern wobei es sich lohnt, genauer hinzuschauen und auf diese stets zu hören und zu achten. Betrachtet man beide Seiten und gestaltet die Zukunft in eine Richtung, wobei beides stets berücksichtigt und voneinander abgewogen wird, so können sich viele Möglichkeiten für ein datenreiches und erfolgreiches Jahr 2030 auftun.

Zur Autorin: Madeline, 26, aus Heidelberg und hat schon seit ihrer Kindheit Kurzgeschichten geschrieben und Musik gemacht. Ab 2015 hat sie Kulturwissenschaften an der Universität Regensburg studiert. Seit 2019 studiert sie im Master an der Martin-Luther-Universität in Halle an der Saale. Während dieser Zeit hat sie unter anderem auch Praktika im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit absolviert.