Warum auch in ferner Zukunft künstliche Intelligenz niemals autonome Entscheidungen für uns treffen wird (Essay)

Dieser Beitrag hat eine Top-10 Platzierung in unserem Essaywettbewerb 2021 erzielt. Die Jury bewertete anhand einer Vielzahl an Kriterien wie Relevanz, Fachlichkeit, Horizont und Kreativität, in denen dieser Essay besonders überzeugt hat.

Haben Sie sich auch schon einmal dabei erwischt, dass Sie sorgenvoll auf die technologische Entwicklung der Zukunft geschaut haben? Während wir alle mit ziemlicher Sicherheit schon sehr bald freiwillig von Kühlschränken und Toastern umgeben sein werden, die mehr über uns wissen und an ihre Hersteller verraten, als uns lieb ist, werden andere Horrorvorstellungen wohl niemals Realität werden. So ist es beispielsweise entgegen vielen dystopischen Fiktionen aus Film und Fernsehen völlig ausgeschlossen, das irgendwelche Big Data durchwühlenden künstlichen Intelligenzen (KI‘s) bald Entscheidungen für uns treffen oder uns gar alle Entscheidungen abnehmen, uns für unmündig erklären und versklaven werden. Der Weg dorthin ist nicht nur „noch sehr weit“, es gibt schlicht keinen Weg dorthin.

Zwei Formen von KI, die nicht unterschiedlicher sein könnten

Woher ich diese Gewissheit nehme? Immerhin ist es doch bereits vorgekommen, dass eine Supermarktkette anhand der KI-gestützten Auswertung des Einkaufsverhaltens ihrer Kunden früher von der Schwangerschaft einer Teenagerin wusste als der betreffende Vater. So geschehen im mittlerweile berühmten Fall aus Amerika, wo auf der Basis von Kassenzetteldaten personalisierte Werbung für Schwangerschaftsprodukte an die werdende Mutter geschickt wurde.

Unbestritten: KI ist schon heute ein fester Bestandteil unseres alltäglichen Lebens geworden. Allen voran kommen da intelligente Spracherkennungssoftwares wie Siri oder Alexa in den Sinn. Hierbei handelt es sich aber wohlgemerkt lediglich um “schwache (spezialisierte) KI’s“, die per Definition nicht an die menschliche Intelligenz heranreichen, sondern nur als Problemlösehilfen in Bereichen wie der Spracherkennung, der Erstellung von Werbeempfehlungen und in Navigationssystemen Verwendung finden.

Erst eine “starke (allgemeine) KI“, also eine Art Superintelligenz, welche den menschlichen Verstand auf allen Ebenen erreicht und überflügelt, die logisch denken, lernen und sich entwickeln kann, die eine Persönlichkeit besitzt und ein Selbstbewusstsein – erst diese Idee ist es, die in der Vergangenheit so viele kreative Geister beflügelt hat.

Die irreführende Lehre vom Leben ohne Lebendigkeit

Das diese zwei Formen von KI meistens nicht als vollständig von einander verschiedene Konzepte verstanden werden und sich die Vorstellung davon durchsetzen konnte, dass das eine sicherlich irgendwann aus dem anderen hervorgehen könne, liegt an der Annahme falscher Prämissen, welche Neurobiologen und KI-Forscher immer wieder in Umlauf bringen (um damit letztendlich Forschungsgelder zu rechtfertigen).

Nach wie vor behaupten Naturwissenschaftler, dass unser Bewusstsein im Grunde nichts weiter sei als das Produkt verschiedenster biochemischer Prozesse im Gehirn, deren Entsprechung sich irgendwann einmal künstlich nachbilden lassen werde. Doch nur wenn man tatsächlich glaubt, dass unser Geist nicht mehr ist, als „ein Haufen Neurone“, kann man zu der konstruktivistischen Annahme gelangen, dass dieser sich künstlich nachbauen ließe. Was man dann erhält, ist natürlich der perfekte Nährboden für plausibel klingende Theorien über bewusste Maschinen. 

Doch diese kühne These unterschlägt brüsk all die privaten Erfahrungen, Gefühle und sozialen Bindungen, die unseren Verstand ebenso ausmachen wie unsere Hirnaktivität. Warum die Wissenschaft alles subjektive Erleben ignoriert? Weil diese Aspekte des Lebens sich nicht im Labor messen lassen wie das Zucken von Neuronen. Nichtsdestotrotz sind sie unverzichtbare Bestandteile unserer Existenz als Lebewesen und vorschnelle Deutungen der Messergebnisse von Hirnscans über die Natur des Geistes daher höchst fraglich.

Die Biologie, die sich jahrhundertelang an der Physik orientierte, um möglichst präzise Wissenschaft betreiben zu können, vermittelt uns also seit jeher ein Bild von Intelligenz, das genauso kalt und gefühllos ist wie die blank polierten Siliziumchips von Computern. Ein Bild, das perfekt in das Wertesystem unserer westlichen Leistungsgesellschaft hineinpasst, in dem wirtschaftliche Effizienz und Konkurrenzdenken die obersten Maßstäbe sind. 

Das aber ist eine unglaubliche Verkürzung, die zu einem Bruch zwischen der Welt geführt hat, wie wir sie jeden Tag erleben und wie sie die Wissenschaft beschreibt – eben bereinigt von jeglicher Subjektivität. Und doch: Das Leben lediglich anhand seiner materiellen Bausteine wie Neuronen oder DNA-Sequenzen begreifen zu wollen, ist in etwa so, als wolle man versuchen zu verstehen, was im hormondurchströmten Kopf der eigenen Teenagertochter vorgeht, indem man einzig die Atome ihrer Haare unter dem Mikroskop untersucht.

So realistisch wie Frankensteins Monster

Eine starke KI wäre im Grunde nur denkbar, wenn wir zunächst eine künstliche Lebensform erschaffen würden, einen künstlichen Menschen, der diese sein Eigen nennt. Aber Lebensformen lassen sich nicht künstlich herstellen, denn dafür müssten wir das Kunststück vollbringen, etwas Lebendes aus etwas Totem herzustellen. Zwar hat die synthetische Biologie bereits Versuche in diese Richtung unternommen, aber auch diese sind schnell an ihre Grenzen gestoßen. So ließ sich zwar eine künstliche DNA erzeugen, doch auch diese wäre ohne den lebenden Hefezellenwirt, in den sie eingepflanzt wurde, niemals möglich gewesen.

Neue Lebensformen entstehen nicht am Computer und auch nicht im Labor. Diese Lücke zwischen lebenden Organismen mit Bewusstsein und toten Bits und Bytes ist fundamental und die Überzeugung, sie wäre zu überwinden, rührt nur von einer langen Tradition der Trennung von Körper und Geist her, die mit dem Philosophen René Descartes im 17. Jahrhundert begann und sich bis heute in der wissenschaftlichen Welt erhalten hat. Am Ende jedoch ist der Sprung von schwacher zu starker KI, anders als der ähnlich klingende Name vermuten lässt, so groß wie der zwischen Realität und Fiktion; wie der zwischen einer simulierten Explosion und einer echten.

Intelligenz – Nur etwas für die Lebenden

Die Furcht vor Maschinenwesen oder Softwares, die ein Bewusstsein entwickeln könnten, ist somit vollkommen unbegründet. Denn sie beruht auf einem falschen Verständnis von Intelligenz, welches seinerseits eine lange Tradition hat. Fakt ist vielmehr: Algorithmen, die in unvorstellbarer Geschwindigkeit addieren, multiplizieren und große Datenmengen auswerten intelligent zu nennen, ist schlicht irreführend, da sie weder heute noch in Zukunft etwas mit Intelligenz zu tun haben.

Intelligent zu sein bedeutet vor allem eines, nämlich nicht ständig von der nächsten Klippe zu fallen. Wer sich in seiner Umwelt zurechtfindet, Probleme löst und sich anpasst, erhöht damit nachweislich seine Überlebenschancen. Intelligentes Verhalten ist darum etwas, das wir überall im Tierreich vorfinden, in seiner ausgeprägtesten Form aber stets dem Menschen zuschreiben. Und tatsächlich hat sich kein anderes Lebewesen auf dem Planeten derart effektiv und umfassend an seine Umwelt angepasst, wie wir. Unserer hoch entwickelten Intelligenz war es dann auch zuzuschreiben, dass wir immer ausgefeiltere Werkzeuge entwickelt haben, mit denen wir uns die Welt untertan machen konnten.

Doch warum sollte, nur weil unsere Werkzeuge mittlerweile schneller rechnen und Entscheidungen fällen können als wir selbst, daraus folgen, dass sie in irgendeiner Form intelligent sind? Schließlich ist Intelligenz etwas, das nur Lebewesen zukommt. Nur sie sind in der Welt verankert, die sie nähren und umbringen kann. Eine Computersoftware dagegen muss nicht überleben, sie existiert einfach. Sie beschränkt sich auf das Sammeln von Inputs, deren Verarbeitung und die Ausgabe von Outputs. Was ein Input bedeutet, kann sie aber nie verstehen, weil ihr nichts etwas bedeutet. Ein maßgeblicher Unterschied, durch den selbst ein winziger Einzeller jedem Supercomputer etwas voraus hat.

Ein Baum, ein Mensch, ein Bakterium, sogar eine einzelne Zelle lebt, weil sie sich selbst als Ganzes erhält. Dafür benötigen Lebewesen nicht zwingend ein derart hoch entwickeltes (Selbst-) Bewusstsein, wie wir es unser eigenen nennen. Es genügt schon, die Welt um sich herum, an der man teil hat, organisieren und kategorisieren zu können. Durch die Fähigkeit, die eigene Umwelt mit Bedeutung zu versehen, lassen sich negative Umwelteinflüsse meiden und positive anstreben. Ganz so, wie es schon ein Pantoffeltierchen in der Petrischale bewerkstelligt.

Alle Lebewesen eint diese Form von Innerlichkeit, einer zumindest rudimentären Subjektivität, die sie von der Umgebung und anderen Lebewesen abgrenzt. Um diese zu erhalten, muss ein Lebewesen aber noch mehr können, als nur Fressfeinden und tückischen Klippen auszuweichen. Anders als tote Materie muss es sich auch noch beständig selbst neu erschaffen. Hierin liegt die Besonderheit allen Lebens, dass es sich selbst mithilfe eines Stoffwechsels erhält, der sämtliche Körperzellen erneuert. Diese Art zu existieren ist es erst, die Wesen hervorbringt, welche intelligentes Verhalten entwickeln, um ihre verletzlichen Hüllen zu schützen.

Leben vor Tod

Um diese unüberwindbare Kluft zwischen Lebewesen und toter Materie zu überwinden, bedient sich die Science-Fiction seit jeher eines simplen Tricks. Sie gibt den böswilligen KI’s menschliche Gesichter, die auf irgendwelchen Monitoren aufflimmern. Immer wieder wird vor allem in Filmen mit diesem Kniff versucht zu suggerieren, dass da auf irgendwelchen Festplatten so etwas wie ein (über-) menschliches Bewusstsein gespeichert wäre.

Dass so etwas zumindest theoretisch möglich ist, mag zunächst wie der nächste logische Schritt in der rasanten technologischen Entwicklung klingen. Betrachtet man sich diese Entwicklung allerdings etwas genauer, fällt auf, dass das Einzige, was sie bisher hervorgebracht hat, immer schneller rechnende Computer sind. Aber nicht wer blitzartig addiert, entwickelt plötzlich Intelligenz, sondern der, dem etwas an dem liegt, was er tut, damit er eine Chance zu überleben hat. Egal wie schnell Computer Daten verarbeiten, sie werden immer nur Ergebnisse liefern, die auf Basis von klaren Eingaben von ihnen gefordert wurden und auf vage Fragen wie den Sinn des Lebens immer nur vage Antworten wie “42“ liefern können.

Da spielt es auch keine Rolle, das Computerprogramme Weltmeister im Schach besiegen können. Denn um in einem Spiel mit einem klaren, endlichen Regelwerk zu gewinnen, genügt es eben schon, intelligente Entscheidungen nachzuahmen. Mit einem freien Bewusstsein, weltlicher Teilhabe und tatsächlicher Intelligenz hat das allerdings nichts zu tun.

Nur ein Kategorienfehler

Natürlich können die Möglichkeiten der KI auf uns einschüchternd und befremdlich wirken. Der Mehrwert der künstlichen Intelligenz, in gewissen Bereichen unserer Lebenswelt Aufgaben zu bewältigen, die bis dahin für uns unerreichbar waren, ist dabei jedoch im Grunde nichts Neues. Nach solchen Fortschritten zu streben liegt im Gegenteil tief in uns verwurzelt. Entdeckungen wie das Feuer, die Elektrizität, das Fließband und das Internet haben die eingeschränkten Kapazitäten des freigestellten Mängelwesens Mensch bereits vielfach exponentiell vergrößert. Wettervorhersagen, Gesichtserkennung, autonomes Fahren – Quantensprünge wie sie die schwache KI ermöglicht, gab es immer wieder in der Geschichte der Menschheit.

Die Angst vor dem ultimativen Kontrollverlust oder gar der Ablösung des Menschen an der Spitze der Nahrungskette ist jedoch eine völlig unbegründete Überschätzung der Möglichkeiten von KI. In der Philosophie würde man hier von einem Kategorienfehler sprechen. Das eine, das Reale, hat mit dem anderen, dem Fiktiven, nichts zu tun. Darum ist auch die Frage danach, wann KI denn das menschliche Level von Intelligenz erreichen oder sogar übertreffen werde völlig unsinnig, da es sich hierbei nicht einmal um eine Form von Intelligenz handelt, sondern nur um eine elaborierte Auswertung von Big Data. KI ist und bleibt ihrem Wesen nach darum kein bisschen smarter als ein Smartphone.

Und dennoch: Wird es irgendwann möglich sein, dass schwache KI‘s Entscheidungen für uns treffen? Wenn es um unwichtige Sachverhalte geht, um lästige Entscheidungen, die wir uns bereitwillig abnehmen lassen, um unseren Alltag zu erleichtern (wie die Zusammenstellung des Einkaufszettels, basierend auf dem Füllstand unseres Kühlschranks, unseren Essgewohnheiten, usw.), dann sicher. Aber bei schwerwiegenden Entscheidungen, Dingen, die unser Leben beeinflussen oder gar lebensgefährlich sind, ist das sehr unwahrscheinlich. Besonders nicht gegen unseren Willen.

Derselbe Grund also, aus dem eine starke KI für alle Zeiten eine Hollywoodfantasie bleiben wird, ist auch der Grund, warum wir schwachen KI‘s niemals die Kontrolle über moralische Entscheidungen überlassen dürfen. Denn einer KI, die ein autonomes Auto steuert, ist es schlicht egal, wer in diesem sitzt. Ihr ist auch egal, ob es ein spielendes Kind ist, das plötzlich auf der Straße auftaucht. Die Entscheidung, ob in dieser Situation mit allen Mitteln versucht werden soll, das Leben des kleinen Mädchens zu retten, auch wenn das vielleicht bedeutet, das Leben der Insassen aufs Spiel zu setzen, wird immer eine Entscheidung bleiben, die Menschen zukommen muss. Denn nur ein Lebewesen, das selbst um den Wert des Lebens weiß, kann in solchen Situationen richtig entscheiden und das Mädchen retten. 

Ben Berlin, Jahrgang 1985, studierte Germanistik und Philosophie an der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin sowie Journalistik und Public Relations an der Freien Journalistenschule Berlin. In Cottbus geboren, lebt er jetzt seit vielen Jahren in seiner Wahlheimat Berlin.
Nach einigen Stationen als freier Journalist, Volontär in Verlagen, Texter, Lektor, Korrekturleser und der Mitarbeit an journalistischen Onlineblogs, widmet er sich derzeit als freiberuflicher Schriftsteller der Veröffentlichung diverser Kurzgeschichten sowie seines Debütromans.